01.03.2007

Folker!

ULMAN sind wieder da

EINE EUROPAMUSIKBAND AUS LEIPZIG

Nach zehn Jahren produzierte das Quartett endlich wieder eine CD

Man lernt jemanden kennen, ist begeistert, macht sich Hoffnungen, und dann kommt nichts mehr von dieser Person, rund zehn Jahre lang. Doch plötzlich ist sie wieder da und fast alles ist wie früher. Noch besser: Diesmal ist alles ernst gemeint. So könnte eine Nachmittagstelenovela beginnen, aber hier geht es um die Leipziger Band ULMAN, die 1996 mit ihrer Debüt-CD die deutsche Folkwelt verzauberte, dann abtauchte und erst 2006, zehn Jahre später, eine neue, wiederum hochklassige CD vorlegte. Ihre Musik ist instrumental, frisch und immer noch ziemlich folkig. Von Christian Rath

Der Bandname ULMAN deutet auf den Nachnamen von drei der vier Bandmitglieder hin. Johannes und Andreas Uhlmann sind Brüder, Till Uhlmann ist ihr Cousin. Nur Ulrich Stornowski ist nicht verwandt. Schon früh spielten Johannes und Andreas Uhlmann zusammen in einer Band, der elterlichen Haus- und Hofkapelle. Dort wurden sie gründlich in die europäische Folkmusik eingeführt. Die Eltern waren nicht irgendwer: Vater Peter Uhlmann war Gründungsmitglied der Folkländer und ist seit 1990 Mitglied im Leitungsteam des TFF.Rudolstadt. Mutter Christine Uhlmann war Tanzmeisterin in der Tanz- & Springband, in der auch der Vater von Cousin Till (Matthias Uhlmann) spielte. Der Name Uhlmann verpflichtet also. Doch Johannes und Andreas Uhlmann nahmen die Herausforderung an. Als die Eltern für die Familienband keine Zeit mehr hatten, gewannen sie 1994 zu zweit den Deutschen Folk Förderpreis. Damals waren sie 16 und 17 Jahre alt. Johannes spielte Akkordeon, Andreas Posaune. Ein Jahr später durften sie sich in Rudolstadt beim Tanz- und Folkfest präsentieren. Da nannten sie sich Gebrüder Uhlmann und Freunde. Mit dabei war damals schon Uli Stornowski als Perkussionist. Ihn hatten sie kurz zuvor bei einem Folkfestival im schwedischen Falun kennen gelernt. Damit war ULMAN als Band geboren. Als zweites Projekt gab es Mitte der 90er noch Tyskarna (auf Schwedisch heißt das „die Deutschen“). Hier spielten die Uhlmann-Brüder mit dem Leipziger Geiger und Tanzanleiter Matthias („Erich“) Weyrich zusammen. Mit dabei war damals auch gelegentlich der erst 14-jährige Till Uhlmann an der Drehleier. Tyskarna wurden zum Leipziger Tanzhausfest 1994 gegründet und waren als Bal-Folk-Band konzipiert. Von Tyskarna gibt es keine CD – was aber nicht so schlimm ist, so meinen Zeitzeugen, da sich die beiden Projekte recht ähnlich anhörten.

 

Jung, leichtherzig, ausgereift

Eine erste CD gab es 1996 von ULMAN, die sich damals noch U.L.M.A.N. schrieben. Das stand für „UnLimited Music And Noise“, denn von Anfang an legten die Uhlmanns Wert darauf, dass sie nicht einfach nur Folkmusik machen. Das Album Acoustic Power war eine der besten deutschen Folk-CDs des Jahrzehnts. Im Kern an französischer Bal-Folk-Musik orientiert, waren Einflüsse aus ganz Europa zu hören, von Skandinavien bis Osteuropa. Zwei Stücke von Blowzabella-Musikern zeigten, wer damals das große Vorbild war. Wobei ULMAN durchaus einen eigenen, leichtherzigen Sound gefunden hatten und die vielen Eigenkompositionen keinen Vergleich zu scheuen brauchten. Unglaublich, welch ausgereifte Musik die jungen Musiker damals bereits machten. Mit dieser „Europamusik“ konnten sich ULMAN auch außerhalb der Landesgrenzen sehen lassen, zum Beispiel in Gennetines, Saint-Chartier und Sidmouth. Allerdings schwand in dieser Zeit bei ULMAN mehr und mehr die Lust an der Tanzmusik. „Wir wollten immer ausgefeilter werden, während die Tänzer sich immer öfter beschwerten, etwa, dass wir zu schnell sind oder zu viele Breaks einbauen“, erinnert sich Till Uhlmann, der ab 1997 festes Mitglied der nun vierköpfigen Gruppe wurde. Auch die Konzertveranstalter standen damals bei ULMAN nicht gerade Schlange. Deshalb gab es 1998 nur noch eine Vier-Track-EP (Bordun House), dann zogen sich ULMAN erst mal zurück. Johannes Uhlmann baute ein Haus um, Andreas Uhlmann und Uli Stornowski studierten Musik, Till Uhlmann beendete zunächst die Schule und studiert jetzt Jazzgeige. Und alle spielten in anderen musikalischen Projekten mit. Doch ULMAN war nicht tot. Gelegentlich traf man sich, ganz selten gab es auch Konzerte. Heute heißt es über diese Phase, man habe einen neuen ULMAN-Stil entwickelt. Doch so ganz neu ist der nicht. Wer ULMAN von früher kennt, wird sie musikalisch sofort wiedererkennen. Und auch optisch sind sie nicht groß gealtert (außer Till Uhlmann natürlich). Ab 2004 wurde das ULMAN-Comeback vorbereitet, 2006 mit Vibes eine neue CD vorgelegt, die sogar einige neu bearbeitete Stücke des Erstlings aufgreift. Der Sound ist jetzt voller, es gibt mehr Jazz- und Rockelemente sowie auch elektronische Gimmicks. Aber im Kern ist das immer noch Folkmusik. Selbst ein Stück namens „Popsong“ fällt dank der romantischen Drehleier und der verträumten Posaune nicht aus dem Rahmen.

 

Posaune mit unposaunigem Sound

Doch auf der Bühne geht es jetzt anders zur Sache als früher. „Wichtig ist, dass es fett ist“, bringt Johannes Uhlmann den Bühnenklang auf den Punkt. Die Instrumente sind verstärkt und teilweise verzerrt, die Lautstärke macht jedem Rockkonzert Ehre. Wenn Till Uhlmann mit der Geige und Johannes Uhlmann mit der Bratsche losrocken, klingt es fast wie bei Garmarna. Nach wie vor wird nicht gesungen, aber die vier sind so hervorragende Instrumentalisten und haben so herausragendes musikalisches Material, dass beim Publikum keinerlei Sehnsucht nach Text aufkommt. Zumal es ja auch einige ungewöhnliche Instrumente zu bestaunen gibt. Da sind zum Beispiel die ULMAN-Drums von Uli Stornowski. In eine Davul (große Rahmentrommel), die beidseitig geschlagen werden kann, sind Snaredrum, Tom und Becken integriert. Das Instrument ist ein Kompromiss. Die Band wollte für den neuen „fetten“ Bühnensound ein Schlagzeug haben, doch Stornowski sagte: „Ich bin Perkussionist, ich trommle nur mit den Händen.“ Heraus kam ein am Bauch getragenes Unikat, das mit seiner transparenten Bauweise ein echter Bühnenblickfang ist. Auch die Posaune von Andreas Uhlmann löst wegen des ungewöhnlichen bassartigen Klangs oft ungläubiges Staunen aus. Der aufgesetzte Dämpfer hat nur eine ganz kleine Öffnung, an der direkt das Mikrophon ansetzt. Der unposaunige Sound kommt also nicht aus dem Computer, was viele zunächst vermuten. Auch wenn ULMAN nach wie vor Folkmusik machen, ist das Zielpublikum jetzt breiter. Die Band will nun auch in die hippen Clubs und groovigen Rockschuppen (und könnte angesichts ihrer Raffinesse auch jedes Jazzfestival bereichern). Auf der Höhe der Zeit ist die neue Bühnenlichtshow mit abgehängten Papiersäulen, auf die Farben und Dias projiziert werden. Nur die Bühnenansprachen von Stornowski passen nicht recht ins Bild: Sie wirken, als käme er gerade von einen Mittelaltermarkt für Gemütskranke. Diesmal wollen ULMAN am Ball bleiben. Die nächste CD soll nicht erst in zehn Jahren erscheinen, sondern schon recht bald. Die vier haben schon genug neues Material, um bald wieder ins Studio zu gehen. Ökonomisch hilft ihnen eine jährliche Verpflichtung als Begleitmusiker bei den Altenburger Prinzenraubfestspielen. Aus diesem Engagement rührt übrigens auch das Stück „Fiddle Execution“ her, das auf der aktuellen CD zu finden ist. Welcher Stellenwert ULMAN heute in der deutschen Folk- und Weltmusikszene zukommt, wird der bundesweite Wettbewerb creole zeigen. Bei der mitteldeutschen Vorausscheidung in Leipzig qualifizierten sie sich immerhin bereits für das Finale, das Mitte Mai in Dortmund ausgetragen wird. Deutschland hätte einen Sieg von ULMAN verdient.