27.03.2009

Rocktimes

von Norbert Neugebauer

»Ulman gehören schon seit einigen Jahren zum erfolgreichsten deutschen Nachwuchs in der Folkszene und blicken auf ein großes Familienerbe (Folkländer, Tanz- & Springband) zurück.«

So steht's im PR-Text. Ob's noch eine echte deutsche Folkszene gibt, das wäre vielleicht mal eine Recherche wert. Mit dem Nachwuchs ist's sicher nicht allzu üppig bestellt. Aber solange es Bands wie Ulman gibt, brauchen wir uns auch keine große Gedanken darum zu machen. Auch wenn 'Folk' nur mal die ersten selbstgemachten Jesuslatschen waren, aus denen längst HighTech-Siebenmeilenstiefel geworden sind, mit denen sie fröhlich-gekonnt in der internationalen Musiklandschaft herumhüpfen. Diverse Auszeichnungen beweisen die mediale und fachliche Anerkennung, die sicher nach "Electrokustica" noch größer wird.


Das Quartett aus Leipzig, bestehend aus dem Familienclan Johannes, Andreas und Till Uhlmann sowie Demian Kappenstein hatte sich bisher auf zwei Longplayern sowie einer Maxi verwirklicht und vermischt äußerst hör- und tanzbar die unterschiedlichsten Musikstile. Aus den Folk- und Mittelalterroots erwachsen wunderbare Ambient- und Loungesounds, gemäßigter melodischer Hip Hop und ohrschmeichelnder, intelligenter Pop, World Music made in Germany. Kein Wunder, dass sie Fans in allen Lagern haben und die bei den Auftritten auch völlig happy gemeinsam chillen und grooven. z.B. im Saalgärten-Club beim TFF in Rudolstadt (und derzeit wieder), s. unsere Tourtermine.


"Electrokustica" fängt den Hörer sofort mit seinem hypnotischen Sound ein, selbst wenn man, wie ich, nicht unbedingt auf elektronisch generierte Klänge steht. Bei Ulman fließen herkömmliche Instrumente und digitale Beats zu einem harmonischen und gleichzeitig aufregenden Mix zusammen. Alte Instrumente und Hard Rock-Äxte, A capella-Gesänge und orientalische Percussions, gemäßigter Bläserjazz, Akkordeongedudel, Wortmalereien, Loops und Samples neben Streichinstrumenten.


Das Album ist ein musikalischer Trip, eine abwechslungsreiche Reise durch Wunderwelten mit teils bekannten Stationen, aber auch völlig neuen Szenerien. Der Passagier steigt in eine Postkutsche, die sich jedoch nach Bedarf in einen fliegenden Teppich, die Orion, den Orientexpress, den TGV oder das Yellow Submarine verwandelt. Die in der Zeit vor- und zurückbeamt, meistens sogar gleichzeitig. Und die den Hörer nach einer guten Dreiviertelstunde sehr entspannt und angeregt wieder in die Wirklichkeit entlässt. Sowas möchte ich mal in einem Wellnesstempel hören, anstatt des nervtötenden Pling Plongs, das üblicherweise in Dauerberieselung die Ohren zukleistert! Dissidenten-Mastermind und Weltmusik-Urgestein Marlon 'Sibusiso' Klein drückte dem Album als Mit-Produzent seinen Stempel auf. Wer im weiblichen Folk-Chor in "Elins DnB" sang und ob ggf. weiter Gäste mitwirkten, ist nicht ersichtlich.


Die CD bietet sich natürlich als Kopfhörer-Futter an, aber auch sonst begeistert der füllige Sound, der viel zu schade für die Lounge-Berieselung ist.


Mein Besprechungsexemplar kam in einer gefalteten DIN A5-großen Papphülle mit Fixier-Knopf an. Wirklich mal was anderes, kreativ (auch gegen die illegale Veräußerung…) und vom Handling her gefällig. Aber mein lieber Herr Designer - selbst mit künstlerischen Scherenschnitt-Fähigkeiten bekäm ich das nicht auf gängiges CD-Hüllen-Format!